Die Kultur und der Müll
Michael Thompson hat vor einigen Jahrzehnten eine Beobachtung, die wir alle machen können, zu einer Theorie verdichtet. Kulturelle Gegenstände stehen in einem zyklischen Verhältnis zu dem Wert, den man ihnen zukommen lässt. Das Bügeleisen der Mutter, das der Sohn achtlos in einer Ecke des Dachbodens „entsorgt“, wird Jahrzehnte später wieder hervorgekramt, weil ein Enkel es „stark“ findet. Kulturelle Gegenstände werden nach einigen Jahren entwertet und nach weiteren Jahren wieder aufgewertet. So geht es auch Wohnungen, Häusern und Quartieren. Die gründerzeitlichen Quartiere waren spätes-tens nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr beliebt. In den sechziger und bis in die siebziger Jahre drangen niedrige Einkommensschichten in die ehemals bürgerlichen Quartiere vor. Viele waren dem baulichen Verfall preisgegeben, einige wurden abgerissen. Doch schon in den siebziger Jahren entdeckten Studierende den Charme der alten Häuser. Sie eigneten sich auch für die Gründung von Wohngemeinschaften, da die Wohnungen preiswert und groß waren. In die alten Quar-tiere sickerten Pioniere einer neuen Lebensweise ein, hier wurden revolutionäre Konzepte entworfen. Nach einigen Jahren zogen Haushalte nach, die ein höheres Einkommen hatten oder aus Studierenden waren Führungskräfte geworden. Nun begann die Stadterneuerung, die „Spekulation“, die Verdrängung ... .
Drastischer ging es noch den Dörfern und am extremsten den ehemaligen Dörfern in den Städten. Mit hohem Engagement und in manchen Fällen beinahe hasserfüllt wurden Bauern umgesiedelt und ihre Häuser abge-rissen. So hieß es in einer Broschüre, die den Abriss eines historischen Dorfes kommentierte:
„Die Stadt ist jung und prangt in allen An-zeichen jugendlicher Frische, Kraft und Schöne. Der Randteil ist alt und behaftet mit dem unvermeidlichen Gebrechen des Alters. Er muss in die Jungmühle (...). Heraus aus der Enge, heraus aus dem Käfig stumpfsinniger Gewohnheiten! Fort mit dem Gewinkel und Gerümpel einer unbewältigten Vergangenheit! (...) Wir müssen Licht, Luft und Sonne hereinlassen.“1
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