Sonntag, 2. Mai 2010

Der Rückzug ins Private

Spätestens seit 2001 ist die deutsche Spaßgesellschaft einer Gemeinde gewichen, in der Heulen und Zähneklappern zum beherrschenden Ton gehört, wir wissen es, sehen es, hören es Tag für Tag. Fast sehnt man sich zurück nach den angeblich so unbeschwerten 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Aktienkurse noch täglich stiegen und die Muttermilch der Yuppies Champagner hieß, denn die Meldungen vom neuen Ernst des Lebens kommen im schwarzen Talar der Offenbarung daher. Die Party ist vorbei und die Deutschen ziehen sich bedröppelt ins Privatleben zurück. Kennen wir diese Prognose nicht schon? "Cocooning" hieß dieser Trend, als er beim vorletzten Mal erfunden wurde.

Die wenigsten sehen diesen Rückzug ins Private gern, so es ihn denn wirklich gibt. Die Gastronomie nicht - die sich den Trend zum Selberkochen doch weiß Gott selbst zuzuschreiben hat - und noch nicht einmal die Politiker, inkonsequenterweise übrigens, da viele von ihnen doch zugleich die geringe Fruchtbarkeit der Deutschen beklagen, für deren Ausübung sich bekanntlich die eigenen vier Wände am besten eignen.

Aber wir leben nun einmal in einem Lande, in dem das Private in Verruf ist. Seit ganze Bataillone von Studenten in Proseminaren zu deutscher Geschichte und deutschen Verhängnis gelernt haben, dass am Ursprung des Bösen der teutonische Hang zur Innerlichkeit liegt; seit die nach 1945 Geborenen die Ausrede der Eltern verachten lernten, man habe sich als Widerstand gegen die Durchpolitisierung unter der Naziherrschaft ins Private zurückgezogen; seit die Generationen um `68 das Wunder der Politisierung erlebten und jedes Individuelle mit dem Satz "Das sind Einzelschicksale!" diffamierten; seit die moralischen Eliten von Heute den Bürger zum Hingucken und Einmischen und Widerstand leisten auffordern, wo immer sich die unschönen Seiten der Gesellschaft zeigen - seither weiß man hierzulande, dass mit dem Rückzug ins Private die Katastrophe beginnt.

Die Jugend, barmen die Meinungshabenden dann, sei unpolitisch geworden, interessiere sich nur noch für den eigenen kleinen Beritt, von welcher Mangelhaltung aus es nicht weit ist zu Schrebergarten- und Bunkermentalität, zu ichbezogener Weltabgewandtheit, in der sich das tätige Mitleid auf eine Spende für Brot für die Welt beschränkt.

Dass die permanente Aufforderung an den "mündigen Bürger", sich einzumischen und "aufzumucken", auch etwas Totalitäres hat, kommt ihnen dabei nicht in den Sinn. Mitmachen und Mitmeinen ist zu einem Wert an sich geworden, denn man bitte nicht bezweifeln möge, denn ohne den stets einmischungswilligen Bürger ist mindestens die Demokratie in Gefahr.

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